Risikomanagement und
Solvency II
Einleitung & ESG
Risikomanagement ist ein zentraler Bestandteil der Steuerung von Versicherungsunternehmen. Ziel ist es, Risiken frühzeitig zu erkennen, zu bewerten und aktiv zu steuern. Mit Solvency II wurde dafür ein europaweit einheitlicher Rahmen geschaffen, der Kapitalanforderungen, Governance und Transparenz miteinander verbindet.
Im Mittelpunkt steht ein ganzheitlicher, risikoorientierter Ansatz: Unternehmen sollen ihre Risiken nicht nur quantifizieren, sondern auch im Kontext ihrer Geschäftsstrategie verstehen und steuern. Zunehmend gewinnen dabei auch Nachhaltigkeitsaspekte (Environmental, Social and Governance – ESG) an Bedeutung, insbesondere im Umgang mit Klima- und langfristigen Risiken.
Die Rolle der Aktuar:innen
Aktuar:innen leisten einen wesentlichen Beitrag zum Risikomanagement. Sie verbinden mathematische Modellierung mit wirtschaftlichem Verständnis und unterstützen dabei, Risiken fundiert zu analysieren und Entscheidungen auf einer belastbaren Grundlage zu treffen.
Versicherungsmathematische Funktion (VMF)
Die versicherungsmathematische Funktion ist ein zentraler Bestandteil des Governance-Systems unter Solvency II. Sie trägt insbesondere dazu bei:
- die Angemessenheit der versicherungstechnischen Rückstellungen sicherzustellen
- Methoden, Modelle und Annahmen zu beurteilen
- das Risikomanagement zu unterstützen
- Beiträge zum ORSA-Prozess zu leisten
- eine unabhängige Stellungnahme zur Zeichnungs- und Rückversicherungspolitik abzugeben
CERA – Certified Enterprise Risk Actuary
Die Zusatzqualifikation CERA steht für vertiefte Expertise im Enterprise Risk Management. CERAs bringen eine ganzheitliche Sicht auf Risiken ein und tragen dazu bei, Risiken über verschiedene Bereiche hinweg zu analysieren und zu steuern.
Themenbereiche
Solvency II
Solvency II bildet den regulatorischen Rahmen für Versicherungsunternehmen in Europa. Es verbindet quantitative Anforderungen, Governance und Berichtspflichten und schafft damit die Grundlage für eine risikoorientierte Unternehmenssteuerung.
Aktuarielle Modellierung
Aktuarielle Modelle sind ein zentrales Instrument zur Bewertung von Risiken und Verpflichtungen. Sie unterstützen unter anderem:
- die Berechnung versicherungstechnischer Rückstellungen
- die Ermittlung von Kapitalanforderungen
- die Analyse von Szenarien und Sensitivitäten
ORSA und Risikomodellierung
Der Own Risk and Solvency Assessment (ORSA) ist ein wesentliches Instrument zur unternehmensindividuellen Risikoanalyse. Er verbindet Risikobewertung mit strategischer Planung und unterstützt fundierte Managemententscheidungen.
Environmental, Social and Governance (ESG)
Nachhaltigkeitsaspekte gewinnen im Risikomanagement zunehmend an Bedeutung. Dazu zählen insbesondere:
- Klimarisiken und deren Auswirkungen auf Versicherungsportfolios
- Integration von ESG-Faktoren in Modelle und Prozesse
- Berücksichtigung regulatorischer Anforderungen und Berichterstattung
Regulatorische Grundlagen
Auf europäischer Ebene basiert das Aufsichtssystem für Versicherungen auf einem mehrstufigen Regelwerk. Dieses baut sich von allgemeinen Vorgaben bis hin zu konkreten Detailanforderungen auf:
Richtlinie
Verordnung
Leitlinie
Solvency II Rahmenrichtlinie (2009/138/EG)
Legt die grundlegenden Prinzipien und Anforderungen an Versicherungsunternehmen fest, insbesondere zu Kapitalausstattung, Governance und Risikomanagement.
Delegierte Verordnung (EU) 2015/35
Konkretisiert die Vorgaben der Richtlinie und enthält detaillierte Regelungen, z. B. zur Bewertung von Verpflichtungen und zur Berechnung der Kapitalanforderungen.
Leitlinien der EIOPA
Ergänzen das Regelwerk durch Auslegungshilfen und sorgen für eine einheitliche Anwendung in der Aufsichtspraxis.
Gemeinsam bilden diese Ebenen ein abgestimmtes System, das sowohl Grundprinzipien als auch konkrete Anforderungen definiert und europaweit vergleichbare Standards ermöglicht.
Auf nationaler Ebene erfolgt die Umsetzung insbesondere durch das Versicherungsaufsichtsgesetz (VAG) sowie durch Verordnungen und Rundschreiben der Finanzmarktaufsicht (FMA). Diese konkretisieren die europäischen Vorgaben und berücksichtigen spezifische Anforderungen des österreichischen Marktes.
Versicherungsaufsichtsgesetz
Verordnungen, Rundschreiben und Leitfäden der FMA
SII-Review
Mit 29. Jänner 2025 trat der Solvency II Review in Kraft, welcher erstmal ab dem 30. Jänner 2027 anzuwenden ist. Im Review wurden die Solvency II Regeln umfassend überarbeitet.
Leitfäden und Empfehlungen der AVÖ
Die AVÖ unterstützt ihre Mitglieder durch fachliche Leitfäden zur praktischen Umsetzung regulatorischer Anforderungen:
Standard of Practice Massenstorno unter Solvency II Standardformel
Dieser Leitfaden behandelt die Berücksichtigung von Massenstornoereignissen im Rahmen der Solvency II Standardformel. Er gibt Orientierung zur Modellierung und Bewertung von Stornorisiken und unterstützt eine konsistente Anwendung in der Praxis.
Solvency II
Behandlung der freien Rückstellung für Beitragsrückerstattung (RfP)
Dieser Leitfaden beleuchtet die Behandlung der freien Rückstellung für Beitragsrückerstattung unter Solvency II. Er bietet eine fachliche Einordnung und praktische Hinweise zur Bewertung und Einbindung in die Solvenzbilanz.
Leitfaden Bericht der versicherungsmathematischen Funktion
Der Leitfaden unterstützt bei der Erstellung des Berichts der versicherungsmathematischen Funktion gemäß Solvency II. Er beschreibt Inhalte, Struktur und Zielsetzung des Berichts und dient als Orientierung für eine konsistente und nachvollziehbare Berichterstattung.