Im Zuge der jährlich durch EY durchgeführten SFCR Benchmarking Studie (Download ist möglich unter: https://www.ey.com/de_at/functional/forms/download/2026/sfcr-studie-2025), die alle 31 in Österreich konzessionierten Versicherungsunternehmen umfasst, beobachten wir, dass der österreichische Versicherungsmarkt das Geschäftsjahr 2025 mit einer robusten Kapitalausstattung und einer verbesserten versicherungstechnischen Ertragslage abschließt. Die SFCR-Daten zum Jahresende 2025 zeigen jedoch kein einheitliches Bild: Steigende Solvenzquoten treffen auf deutlich unterschiedliche Geschäfts- und Risikoprofile, das Prämienwachstum verschiebt sich zwischen den Sparten, und in der ökonomischen Bilanz werden Veränderungen sichtbar, die für Eigenmittel und Kapitalanforderungen wesentlich sind. Mehr Details dazu finden Sie unten im 1. Teil dieses Artikels.
Gleichzeitig rückt der Solvency II Review von einer vorwiegend konzeptionellen Diskussion in die operative Umsetzung. Im Zuge unseres Webcasts zur Studie (Nachschauen unter https://www.ey.com/de_at/media/webcasts/2026/06/sfcr-studie-oesterreich-2025) haben wir einige Änderungen näher beleuchtet. In diesem Artikel präsentieren wir die wichtigsten Änderungen kompakt und übersichtlich. Mehr Details dazu finden Sie unten im 2. Teil dieses Artikels.
Wesentliche Erkenntnisse aus der SFCR Benchmarking Studie
Solvenzquoten: hohe Kapitalisierung bei großer Streuung

Abbildung 1: SCR-Quoten der österreichischen Versicherungsunternehmen
Abbildung 1 zeigt einen Vorjahresvergleich der SCR-Quoten der österreichischen Versicherungsunternehmen zum Geschäftsjahr 2025. Das Ranking verdeutlicht die breite Spannweite der Kapitalisierung: Die Quoten reichen 2025 von rund 145% bis über 400%. Auffällig ist insbesondere die Verbesserung in der Spitzengruppe, wo eine deutliche Erhöhung der SCR-Quote beobachtbar ist, während Rückgänge nur punktuell auftreten. Der Marktschnitt steigt von 255,4% auf 275,5%.
Prämienwachstum: Dynamik verlagert sich zwischen den Sparten

Abbildung 2: Prämienwachstum seit 2021
Abbildung 2 zeigt, dass das gesamte Wachstum der verrechneten Prämien im Geschäftsjahr 2025 mit 4,9% positiv bleibt, gegenüber dem Vorjahr jedoch rückläufig ist. Das Non-Life-Geschäft wächst ebenso um 4,9%, womit das Wachstum unter den hohen (u.a. stark inflationsgetriebenen) Zuwächsen der Jahre 2022 bis 2024 liegt. In der Krankenversicherung verlangsamt sich die Dynamik zwar, bleibt aber mit 8,5% wie auch im Vorjahr der stärkste Wachstumstreiber. Die Lebensversicherung setzt dagegen ihre Erholung fort: Nach dem deutlichen Rückgang im Geschäftsjahr 2023 kehrt das Prämienwachstum im Geschäftsjahr 2024 in den positiven Bereich zurück und erreicht 2025 ein Wachstum von +2,6%.
Diese erfreuliche Entwicklung in der Lebensversicherung ist vor allem auf die fonds- und indexgebundene Lebensversicherung zurückzuführen. Das Prämienwachstum in dem Versicherungszweig beträgt im Geschäftsjahr 2025 +15,1%, während die Prämien der klassischen Lebensversicherung mit -1,2% und der sonstigen Lebensversicherung mit -12,7% sogar rückläufig sind. Rund ein Drittel der gebuchten Bruttoprämien entfällt bereits auf fonds- und indexgebundene Produkte, die klassische Lebensversicherung bleibt dennoch mit mehr als 60% das größte Segment.
Combined Ratio: Entlastung durch ein günstigeres Schadenjahr

Abbildung 3: Combined Ratio nach Sparte
Die Combined Ratio (lt. QRT S.05.01) hat sich im Marktmittel über alle Versicherungszweige von 98,9% auf 88,6% verbessert. Abbildung 3 zeigt einen Vorjahresvergleich auf Spartenebene. Dabei wird deutlich, dass der Rückgang im Geschäftsjahr 2025 wesentlich auf das Ausbleiben von Naturkatastrophenschäden zurückzuführen ist. Das spiegelt sich in der Sparte Feuer- und Sachversicherung wider: Diese weist eine Verbesserung der Combined Ratio im Mittelwert von 103,8% auf 79,1% auf, die Loss Ratio fällt dabei von 76,3% auf 51,5%.
Weiters hat sich auch die Sparte „Sonstige Kraftfahrzeugversicherung“ positiv entwickelt und verbessert sich von 99,9% auf 91,6%. Die Sparte Kfz-Haftpflicht hingegen verschlechtert sich von 79,3% auf 83,5%.
Ökonomische Bilanz: Wachstum der Assets, stabile Verpflichtungen
Die Marktsumme der Assets steigt 2025 von 133.656 Mio. Euro auf 139.155 Mio. Euro. Unverändert dominieren Investments mit 75,0% der Aktivseite, gefolgt von den Vermögenswerten der fonds- und indexgebundenen Lebensversicherung mit 13,8%. Zusammen repräsentieren diese Positionen 88,8% der ökonomischen Bilanz. Innerhalb der Investments bleiben Anleihen mit 27,9% und Beteiligungen mit 23,0% die größten Kategorien. Gegenüber dem Vorjahr sinkt der Anteil der Anleihen, während Beteiligungen zulegen.
Nach dem Anstieg von 2022 bis 2024 sinkt die Marktsumme der Liabilities 2025 leicht von 90.032 Mio. Euro auf 89.702 Mio. Euro. Den größten Block bilden weiterhin die versicherungstechnischen Rückstellungen. Auf Life ohne fonds- und indexgebundene Lebensversicherung entfallen 51,0% der Passivseite, auf fonds- und indexgebundene Verträge weitere 16,8%. Gemeinsam mit Health ergeben sich 67,8%. Non-Life und Health NSLT tragen weitere 12,5% bei.
Im Life-Bestand liegt der Best Estimate weiterhin auf einem niedrigen Niveau: Historisch setzen sich die Solvency-II-Rückstellungen annähernd aus 101% Best Estimate und 2% Risikomarge zusammen; Übergangsmaßnahmen wirken mit ungefähr 3% reduzierend.
Im Non-Life-Bereich steigen die Claims Provisions auf 12.316 Mio. Euro. Der absolute Zuwachs stammt vor allem aus der Kfz-Haftpflicht, Feuer und sonstigen Sachversicherungen sowie allgemeiner Haftpflicht. Gleichzeitig wird die Prämienrückstellung insgesamt stärker negativ. Die versicherungstechnischen Rückstellungen setzen sich historisch aus rund 90% Best Estimate und etwa 10 % Risikomarge zusammen.
Solvenzkapitalanforderung im Überblick

Abbildung 4: Verteilung des SCR auf die Risikomodule im Marktschnitt
Abbildung 4 zeigt die Verteilung der Risikomodule im Marktschnitt (beschränkt auf Marktteilnehmer, die die Standardformel verwenden) gemessen am BSCR. Das Marktrisiko bleibt mit 59,4% des BSCR die bedeutendste Kategorie, gefolgt vom versicherungstechnischen Risiko Nicht-Leben mit 41,5%. Das Life-Risiko steigt auf 16,1%, das Krankenrisiko auf 9,4%. Das Gegenparteiausfallrisiko sowie das operationelle Risiko spielen mit 6,2% beziehungsweise 7,1% eine untergeordnete Rolle.

Abbildung 5: Zusammensetzung des Marktrisikomoduls im Marktschnitt
Wie Abbildung 5 zeigt, bilden Aktienrisiko mit 41,3%, Spreadrisiko mit 29,5% und Immobilienrisiko mit 23,0% die wichtigsten Marktrisiken. Der relative Anteil des Zinsrisikos steigt von 14,9% auf 15,9%. Während das Aktienrisiko deutlich zunimmt, verlieren Spread- und Immobilienrisiko gegenüber 2024 an Gewicht. Die Anteile spiegeln sowohl Marktwertentwicklungen als auch Veränderungen der Asset-Allokation wider.

Abbildung 6: Historische Verteilung des Marktrisikomoduls im Marktschnitt
Abbildung 6 erweitert die Momentaufnahme von Abbildung 5 um die Jahre 2023 bis 2025. Dabei geht hervor, dass der Anteil des Aktienrisikos in diesem Zeitraum von 33,6% auf 41,3% steigt, während das Immobilienrisiko von 26,8% auf 23,0% und das Spreadrisiko von 33,1% auf 29,5% zurückgehen. Der Diversifikationseffekt liegt 2025 bei minus 34,4 % und ist damit stärker als 2024, aber etwas schwächer als 2023. Die historische Darstellung zeigt, dass sich die Zusammensetzung des Marktrisikoprofils trotz stabiler Gesamtbedeutung des Moduls zeitlich volatil verhält.
Die Zusammensetzung der versicherungstechnischen Risiken ist deutlich konzentrierter als jene des Marktrisikos. Im Non-Life-Modul dominieren Prämien- und Reserverisiko mit 79,2% sowie Katastrophenrisiko mit 38,0%. Im Life-Modul stehen Stornorisiko mit 63,9% und Kostenrisiko mit 43,1% im Vordergrund.
Österreichische Versicherer im europäischen Vergleich stark
Auch im europäischen Vergleich stehen österreichische Versicherer gut da. Die österreichischen Lebensversicherer erreichen 2025 eine mediane SCR-Quote von 266,6% und liegen damit über dem europäischen Vergleichswert von 244,4%. Im Bereich Non-Life liegt Österreich mit einem Median von 256% ebenfalls über dem europäischen Markt, der bei 219% liegt.
Bei den Prämien zeigt sich ein gemischtes Bild: In der Lebensversicherung wächst Österreich mit einem Median von 4,7% schwächer als Europa mit 6,6%. Im Nicht-Lebensversicherungsgeschäft liegt Österreich mit einem Median von 5,9% hingegen über dem europäischen Vergleichswert von 4,5%.
Solvency II Review
Neben den Entwicklungen der Solvenz- und Finanzlage, die in der EY SFCR Studie 2025 analysiert wurden, rückt zunehmend auch die regulatorische Weiterentwicklung von Solvency II in den Fokus. Der Solvency II Review bringt zahlreiche Anpassungen mit sich, die Versicherungsunternehmen in den kommenden Jahren beschäftigen werden. Nachfolgend stellen wir einige – wenn auch nicht alle – dieser Änderungen kurz vor; einen vertiefenden Überblick kann zudem in oben erwähnten Webcast verfolgt werden.
Solvency II Review: Anpassung der EIOPA Zinskurve
Der Solvency II Review verfolgt drei zentrale Stoßrichtungen: höhere Effektivität, stärkere Proportionalität und die Förderung langfristiger Investitionen. Für die quantitative Bewertung sind insbesondere die geänderte Extrapolation der risikofreien Zinskurve und die Anpassung der Risikomarge relevant. Daneben entstehen unter anderem mit den Sustainability Risk Plans neue Anforderungen an Risikomanagement, Governance und Berichterstattung.
Die Änderungen an der EIOPA-Zinskurve wirken sich nur minimal auf das Basisszenario aus. In den Schockszenarien kommt es allerdings zu erheblichen Unterschieden, wie eine Vergleichsrechnung zum 31.12.2025 zeigt. Nachstehend zeigen Abbildung 7 und Abbildung 8 das Schock-Up bzw. das Schock-Down-Szenario, berechnet nach dem alten respektive dem neuen Framework:

Abbildung 7: Vergleich der beiden Frameworks zur Extrapolation der EIOPA-Zinskurve zum 31.12.2025 im Schock-Up-Szenario

Die großen Unterschiede rühren aus der angepassten Methodik: Im neuen Framework werden die Schocks nur bis zum „First Smoothing Point“ von 20 Jahren auf die Kurve angewendet. Danach erfolgt die Extrapolation analog zur Basiskurve. Bis zum FSP setzen sich die fixierten Schockparameter aus einer prozentualen und einer additiven Komponente zusammen. Für Portfolios mit langfristigen, zinssensitiven Cashflows ist die neue Form der Extrapolation besonders relevant, weil die Differenz zwischen Basis- und Schockkurve im langen Ende anders verläuft.
Solvency II Review: Anpassung an der Risikomarge
Das Solvency II Review bringt auch Änderungen für die Risikomarge: Der Kapitalkostensatz wird von 6% auf 4,75% gesenkt, zusätzlich wird ein exponentieller „Decay Factor“ eingeführt, der die Risikomarge für größere Durationen weiter senkt. Die nachstehende Abbildung 9 zeigt die Auswirkung der Änderungen auf ein fiktives Portfolio mit einer Duration von 5 bzw. 25 Jahren:

Abbildung 9: Auswirkung der Änderungen auf die Risikomarge
Der neue Decay Factor führt dazu, dass langfristige Kapitalanforderungen langsamer gewichtet werden als unter der bisherigen Methodik. Für das in Abbildung 9 verwendete fiktiven Portfolios mit einer Duration von 5 bzw. 25 Jahren ergibt sich unter der aktuellen Zinskurve eine Verringerung der Risikomarge um 32% beziehungsweise 44%. Die Reform wirkt damit nicht proportional über den Markt: Langlaufende Verpflichtungen profitieren stärker als kurzlaufende Portfolios.
Solvency II Review: Sustainability Risk Plans
Ab Jänner 2027 müssen Versicherungsunternehmen Nachhaltigkeitsrisiken verstärkt im Risikomanagement berücksichtigen, ab 2028 ist über Sustainability Risk Plans (aus dem Geschäftsjahr 2027) zu berichten.
Sustainability Risk Plans (SRPs) sollen eine systematische Reduktion und Steuerung von Klimarisiken bezwecken und werden durch wesentliche Elemente aus Tabelle 1 strukturiert:
Tabelle 1: Wesentliche Elemente von Sustainability Risk Plans (SRPs)
| Ziele | Baselining | Maßnahmen | Governance & Monitoring |
| · Zeitlich gebunden und quantifizierbar
· Widerspiegeln von Risikobereitschaft gegenüber Sustainability Risks |
· Berechnung der aktuellen Werte unter den für die Ziele gewählten Metriken
· Identifikation von Übertragungskanälen |
· Maßnahmenplan mit bspw. Szenario- und Sensitivitätsanalysen
· Kosten-Nutzen-Analyse für Auswahl angemessener Maßnahmen |
· Festlegen von Rollen und Verantwortlich-keiten bei Umsetzung der SRP
· Berücksichtigung benötigter Resourcen in Budget- und Finanzplanung |
Ziele sollen zeitlich gebunden und quantifizierbar sein und die Risikobereitschaft gegenüber Nachhaltigkeitsrisiken widerspiegeln. Eng damit verbunden ist das Baselining, welches die Ermittlung aktueller Kennzahlen umfasst und den Ist-Stand des Unternehmens darstellt. Basierend darauf sollen Maßnahmen gesetzt werden, die die Einhaltung der definierten Ziele versprechen.
Die praktische Herausforderung liegt dabei im Aufbau einer belastbaren Datenbasis, dem Definieren von geeigneten Kennzahlen und dem zielgerichteten Setzen von Maßnahmen, die als ausreichend und wirtschaftlich begründbar gelten. Schließlich ist eine Governance-Struktur erforderlich, die Nachhaltigkeitsrisiken mit bestehendem Risikomanagement, Strategie und Finanzplanung verzahnt.
Fazit
Insgesamt war 2025 ein gutes Jahr für den österreichischen Versicherungsmarkt: Die SCR-Quoten steigen im Marktschnitt von 255,4% auf 275,5%, das Ausbleiben von Naturkatastrophen verbessert die Combined Ratio von 98,9% auf 88,6%, und die Lebensversicherung setzt ihre Erholung – getragen von einem Plus von 15,1% in der fonds- und indexgebundenen Lebensversicherung – fort.
Mit dem Solvency II Review stehen nun jedoch Änderungen an, die je nach Geschäfts- und Risikoprofil sehr unterschiedlich wirken werden. Für Aktuarinnen und Aktuare bedeutet das vor allem eines: Es lohnt sich, frühzeitig zu quantifizieren, was die Änderungen für das eigene Portfolio konkret bedeuten, und die eigene Position bewusst im Marktkontext zu verorten. Wer die Auswirkungen kennt, bevor sie in der Bilanz sichtbar werden, kann sie aktiv gestalten statt nur nachvollziehen.