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Neue Subarbeitsgruppe zum Thema ESG ins Leben gerufen

Im Arbeitskreis Accounting, Solvency und Riskmanagement wird sich eine neue Subarbeitsgruppe mit motivierten Mitgliedern unter der Leitung von Victoria Zach mit dem Thema ESG (Environmental, Social and Governance) befassen.

Ziel ist es, dieses sich aktuell ständig weiterentwickelnde Thema und viele rund um dieses Thema auftauchende wichtigen Fragen für Aktuare zu diskutieren, aus Sicht der Aktuar:innen aufzubereiten und den Aktuar:innen Hilfestellung bei den kommenden Aufgaben in diesem Bereich bereitzustellen.

Wir freuen uns, wenn du mit deinem Know-how in dieser nicht nur hochaktuellen sondern auch komplexen Thematik die Arbeitsgruppe unterstützen möchtest.

 

Bei Interesse melden bei Victoria Zach (Victoria.Zach@milliman.com)

 

Data Science Challenge 2022

Data Science Challenge 2022

Mitglieder und angehende Aktuar:innen der AVÖ haben die Möglichkeit, an der diesjährigen Data Science Challenge 2022 des DAV-Ausschusses ADS teilzunehmen. Bereits in den letzten beiden Jahren wurde dieser Wettbewerb erfolgreich durchgeführt und wird deshalb im Jahr 2022 zum dritten Mal aufgelegt. Er soll Aktuar:innen motivieren, sich stärker mit datenwissenschaftlichen Fragen und Methoden des maschinellen Lernens auseinanderzusetzen.

Thematik der diesjährigen Data Science Challenge 2022 wird die aktuelle, anspruchsvolle sowie zunehmend wichtigere Rolle des „Automatisierten Maschinellen Lernens (AutoML)“ sein. Die Teilnehmer:innen werden dazu aufgerufen, ein typisches Problem zu identifizieren, denen DAV-Mitglieder und die Versicherungsbranche im Allgemeinen gegenüberstehen und eine passende Lösung zu erarbeiten.

Nähere Informationen zu den Wettbewerbsregeln sowie Hilfestellungen zur Data Science Challenge erhalten Sie auf der DAV-Webseite unter “Unsere Themen” / “Actuarial Data Science”/“Data Science Challenge“ https://aktuar.de/unsere-themen/big-data/data-science-challenge/Seiten/default.aspx

Die Preisträger:innen werden rechtzeitig vor der DAV-Herbsttagung 2022 benachrichtigt und erhalten die Möglichkeit, ihre Ergebnisse während der Tagung vorzustellen. Die Teilnehmer:innen können die folgenden Preise gewinnen:

  • Einzelwettbewerb: Teilnahme an einer DAA-Veranstaltung von max. 99
  • Gruppenwettbewerb: jeweils Teilnahme an einer DAA-Websession

Weitere Informationen:

ADS-Challenge2022 Tipps & Links

Data_Science_Challenge_2022 Regeln

Gutes tun als Aktuar:in – und Entwicklungshelfer:in

Man stellt sich Entwicklungshelfer häufig als Schulen bauende Handwerker oder neue Anbaumethoden demonstrierende Landwirte vor, aber auch Aktuare können mit ihren Fähigkeiten Entwicklungshilfe leisten. Denn in vielen Ländern können Menschen durch besseren Zugang zu Finanzdienstleistungen, wie z.B. Microinsurance, unterstützt werden – und da können Aktuare helfen. Das ist die Idee von Actuaires du Monde!

GEGRÜNDET IN 2020, VORHER ALS IAA SEKTION TÄTIG

Im November 2020 wurde Actuaires du Monde als gemeinnütziger Verein in Frankreich gegründet, zuvor war es eine Sektion der Internationalen Aktuarvereinigung und unter Actuaries without borders aktiv. Ziel von Actuaires du Monde ist es, Entwicklungs-Projekte und -Organisationen in Schwellen- und Entwicklungsländern zu unterstützen, die aktuarielle Unterstützung benötigen, sich diese aber nicht leisten können.

BEISPIEL MICROINSURANCE IN TOGO

Ein Beispiel für ein solches Projekt ist die Machbarkeitsstudie für eine Gesundheits-Microinsurance in Togo: In der Region Est Mono, 170 km von der Hauptstadt Lomé entfernt, betreibt die Stiftung des Malteserordens Frankreichs seit 1980 ein Krankenhaus mit einem Einzugsgebiet von etwa 150.000 Menschen. Allerdings verfügen viele Menschen nicht über die finanziellen Mittel für eine Behandlung im Krankenhaus und nutzen daher eher die traditionelle Medizin oder werden gar nicht behandelt. In einem ersten Schritt wurde mit Hilfe eines Freiwilligen von Actuaires du Monde das Interesse der Bevölkerung an Microinsurance Lösungen untersucht – z.B. welche Mittel sind verfügbar, wie wird die medizinische Versorgung bisher genutzt, wie ist die Bereitschaft, sich zu versichern. Mit diesen Erkenntnissen konnten dann Versicherungspakete entwickelt werden, die den Bedürfnissen und den finanziellen Möglichkeiten der lokalen Bevölkerung entsprechen. Der nächste Schritt besteht nun darin, einen lokalen Versicherungspartner für dieses Produkt zu finden, um die Ideen umzusetzen und zu implementieren. Bei Erfolg dieses Pilotprojektes ist eine Ausweitung auf weitere Krankenhäuser der Stiftung in Afrika denkbar.

BEISPIEL KONGRESS IN SKOPJE

Ende März 2022 hat Actuaires du Monde in Zusammenarbeit mit der nordmazedonischen Aktuarvereinigung seinen ersten Kongress in Skopje abgehalten. Der Kongress wurde finanziert von der nordmazedonischen Versicherungsaufsicht, der Lebenssektion der IAA und dem Medienpartner XPrimm. Fast 150 Personen aus 31 Ländern nahmen an dieser Hybrid-Veranstaltung teil. Der erste Tag war den Herausforderungen des lokalen Marktes angesichts der Liberalisierung des Kfz-Haftpflichttarifs und der Einführung eines risikobasierten Solvabilitätsregimes gewidmet. Der zweite Tag standen die Herausforderungen für Versicherungsmathematiker in Entwicklungs- und Schwellenländern im Mittelpunkt – vor allem die Frage, wie die finanzielle Teilhabe benachteiligter Bevölkerungsgruppen erhöht werden kann. Die Vortragenden konnten über ihre Erfahrungen aus erster Hand berichten und sich mit den Teilnehmern des Kongresses austauschen, u.a. über Kranken-Microinsurance in Ghana, und parametrische Versicherung in Westafrika und Indien (siehe Folien).

BEISPIEL MENTORING

Aber Actuaries du Monde unterstützt  auch die Ausbildung von Aktuaren in Entwicklungs- und Schwellenländern, zum Beispiel über Mentoring- oder Ausbildungsprogramme. So gibt es zurzeit über 30 junge Aktuare, die von Mitgliedern von Actuaires du Monde betreut werden. Doch leider gibt es immer noch viele Aktuare, die aufgrund fehlender Freiwilliger keinen Mentor erhalten können – hier ist Euer Engagement gefragt!

EUER ENGAGEMENT!

Wie kann man sich als AVÖ Mitglied engagieren? Actuaires du Monde lebt vom freiwilligen ehrenamtlichen Engagement seiner Mitglieder – und neben Mentoren für Aktuare aus Entwicklungsländern werden zurzeit auch Projektmanager für neue Hilfsprojekte gesucht. Also Mitglied werden und mithelfen! Und Actuaires du Monde freut sich natürlich auch über finanzielle Unterstützung. Mehr Informationen unter https://www.actuairesdumonde.org/en/ oder unter contact@actuairesdumonde.org

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Bild 1: Projektarbeit in Togo

Bild 2: Folie Ernteversicherung (vom Actuaires du Monde Kongress in Skopje, im März 2022)

Bild 3: Folie Krankenversicherung (vom Actuaires du Monde Kongress in Skopje, im März 2022)

 

Das Jungaktuarstreffen findet wieder statt!

Nach dieser gefühlt endlos langen Corona-Pause wird es nun wieder Zeit, dass auch wir uns als AVÖ wieder öfters treffen. Obwohl die Vielzahl an Lockdowns und die Home-Office Verpflichtung eine enorme Akzeptanz bezüglich Video-Meetings geschaffen haben, dürfen persönliche Treffen, soweit es die gesundheitliche Situation erlaubt, nicht dauerhaft fehlen.

Daher freut es mich euch mitzuteilen, dass auch das beliebte „Jungaktuarstreffen“ für junge und erfahrene Aktuar:innen wieder stattfindet.

Das Jungaktuarstreffen wird in gewohnter und bewährter Weise im Zuge einer gemütlicher Runde stattfinden, in der sich junge und erfahrene Aktuar:innen über ihre beruflichen und privaten Herausforderungen austauschen können.

 

Wir treffen uns am Dienstag

14. Juni 2022, ab 18:30 Uhr

im Restaurant Kolarik’s Luftburg im Prater

 

Das Restaurant ist vom Praterstern (U1, U2, S-Bahn, Straßenbahn) über die Prater Hauptallee nur 13 Gehminuten entfernt oder mit der Liliputbahn um 2,5€ in nur 3 Minuten.

Um die Anzahl an Gästen bezüglich der Reservierung gut einschätzen zu können, bitte ich um eine kurze Anmeldungs-E-Mail an jungaktuarstreffen@avoe.at.

Die AVÖ und der Jungaktuarsreferent freuen sich auf euer Kommen.

Ihr AVÖ Jungaktuarsreferent,

Lukas Ludwig

 

 

 

 

Kolariks Luftburgen, Vermietung Verkauf Service,

Waldsteingartenstraße, Prater 128a,

1020 Wien, Österreich

Die Rolle der Aktuar:innen im Kontext von Nachhaltigkeit und Klimawandel

Die steigenden Anforderungen an die Einführung und Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien stellen die Versicherungsunternehmen vor neue große Herausforderungen. Damit werden sich auch die Aufgaben und die Arbeit der Aktuar:innen ändern, die aufgrund ihres spezifischen Fachwissens in unterschiedlichsten Bereichen eines Unternehmens anzutreffen sind.

Pariser Klimaabkommen

Durch das Ziel Europas bis 2050 als erster Kontinent klimaneutral zu werden, hat die EU-Kommission im Rahmen des European Green Deal eine „Strategie für nachhaltiges Finanzwesen“ angekündigt und dadurch auch die Versicherungsbranche erfasst. Finanzielle Risiken, die sich aus dem Klimawandel ergeben, sollen demnach bewertet und gesteuert werden. Die Förderung von Transparenz und Langfristigkeit in der Finanztätigkeit ist ebenfalls ein Ziel der EU, welches sich mit einem sehr umfangreichen legislativen Maßnahmenpaket bereits in Umsetzung befindet. Versicherungsunternehmen stellen per se keine energieintensive Branche mit einem großen ökologischen Fußabdruck und hohen CO2-Emissionen dar, sodass sie nur einen geringen Beitrag zur Klimakrise beisteuern. Allerdings sind Versicherungsunternehmen aufgrund ihres Geschäftsmodells zum einen direkt vom Klimawandel betroffen, da es etwa vermehrt zu Extremereignissen wie starken Regenfällen und Hagel kommen wird, was einen Anstieg der zukünftigen Versicherungsleistungen impliziert. Und zum anderen kann auch die Versicherungswirtschaft bedeutend dazu beitragen, das Paris Klimaabkommen erreichen zu können. Denn Versicherungsunternehmen können sowohl bei der Gestaltung ihrer Versicherungsprodukte per se als auch bei ihren Investments am Kapitalmarkt den Nachhaltigkeitsaspekt deutlich mehr als bisher mitberücksichtigen.

Bedeutung des Klimawandels für Aktuar:innen

Das IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) als das Gremium der Vereinten Nationen zur Bewertung der wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Klimawandel hat mit dem „IPCC Climate Change Report 2021“[1] einen umfassenden Bericht über den aktuellen Zustand des Klimas, einschließlich seiner Veränderung und der Rolle des menschlichen Einflusses und den Wissensstand über mögliche zukünftige Klimaszenarien veröffentlicht. Die darin enthaltenen Erkenntnisse lassen sich im Wesentlichen in den nachfolgenden Punkten zusammenfassen:

  • Seit Jahrzehnten wissen wir, dass sich die Welt erwärmt. Die jüngsten Veränderungen des Klimas sind weit verbreitet, schnell und intensivieren sich. Sie sind so stark wie seit Tausenden von Jahren nicht mehr.
  • Es ist unbestreitbar, dass der Klimawandel durch menschliche Aktivitäten verursacht wird. Der menschliche Einfluss führt dazu, dass extreme Klimaereignisse wie Hitzewellen, starke Regenfälle und Dürreperioden häufiger und heftiger sind.
  • Der Klimawandel wirkt sich bereits jetzt auf alle Regionen der Erde aus, und zwar auf vielfältige Weise. Seine Auswirkungen werden sich mit der weiteren Erwärmung noch verstärken.
  • Einige Veränderungen im Klimasystem lassen sich nicht mehr rückgängig machen. Einige dieser Veränderungen könnten jedoch verlangsamt und andere gestoppt werden, indem die künftige Erwärmung begrenzt wird.
  • Ohne eine sofortige, rasche und weitreichende Reduzierung der Treibhausgasemissionen wird es nicht möglich sein, die globale Erwärmung auf 1,5°C oder sogar 2°C im Vergleich zu 1850-1900 (vorindustrielle Werte) zu begrenzen.
  • Um die globale Erwärmung zu begrenzen, ist eine starke, rasche und anhaltende Verringerung der Emissionen von Kohlendioxid, Methan und anderen Treibhausgasen notwendig. Dies würde nicht nur nicht nur die Folgen des Klimawandels verringern, sondern auch die Luftqualität verbessern.

Die Internationale Aktuarvereinigung (IAA) erstellte in Kooperation mit den Autoren des IPCC Reports im März 2022 eine Zusammenfassung der Erkenntnisse, die sich speziell an Aktuar:innen richtet[2]. Darin leitet die IAA als Aufgabe von Aktuar:innen die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsrisiken in zukünftige Strategien in den Bereichen Produktgestaltung, Pricing, Underwriting und der Rückversicherung ab. Neben den klassischen Betätigungsfeldern sind Aktuar:innen aufgrund ihres spezifischen Fachwissens auch häufig im Risikomanagement anzutreffen. Im Zuge dessen sieht die IAA als weitere Anforderung an Aktuar:innen, die Bewertung von physischen und transitorischen Klimarisiken und die Einbettung dieser Risiken in den Risikomanagementprozess.

Neue regulatorische Anforderungen an das Risikomanagement und die versicherungsmathematische Funktion

Bereits im April 2021 hat die EIOPA eine Stellungnahme zur Überwachung der Verwendung von Klimawandel-Risikoszenarien im ORSA veröffentlicht. Demnach sollen Versicherungsunternehmen Nachhaltigkeitsrisiken in den Risikomanagementprozess integrieren. Zusätzlich hat EIOPA ein Methodenpapier[3] für Stress-Tests für die Komponente Klimawandel im Januar 2022 publiziert. Das Dokument behandelt Ansätze für Stress-Tests für mikro- und makroprudenzielle Zwecke. Es umfasst Prinzipien zur Festlegung von Klimaszenarien, Modellierungsansätze sowohl für physische Risiken als auch Transitionsrisiken und schlägt Bewertungskennzahlen für die Berichterstattung vor. Auch wenn es an manchen Stellen an Detailtiefe vermissen lässt und damit keine vollständige Lösung erreicht werden kann, stellt es doch eine solide Basis für eine Referenz-Architektur dar. Die konkrete Umsetzung bleibt allerdings für Aktuar:innen herausfordernd.

Überdies erfordert eine weitere Änderung der Delegierten Verordnung (EU) 2015/ 35, die im August 2022 in Kraft tritt, neben der Integration der Nachhaltigkeitsrisiken im Risikomanagement, die Berücksichtigung im Rahmen der Rückstellungsbewertung, der Vergütungspolitik und des Investmentmanagement.

Abbildung 1: Aufgaben der versicherungsmathematischen Funktion im Hinblick auf Nachhaltigkeitsrisiken

Aufgrund der gesetzlich vorgegebenen Aufgaben obliegt es der versicherungsmathematischen Funktion (VMF) sich mit der aktuariellen Relevanz von Nachhaltigkeitsrisiken im Rahmen der Stellungnahme zur Zeichnungs- und Annahmepolitik, Rückversicherung und der Rückstellungsbewertung des Unternehmens auseinanderzusetzen. An dieser Stelle sind vor allem die Vollständigkeit und Qualität der zugrundeliegenden Daten zu nennen, welche auch Informationen zu prospektiven Nachhaltigkeitsrisiken umfassen müssen. Die klimawandelbedingte Zunahme an Intensität und Frequenz von Wetterereignissen wie Sturm, Hagel oder Starkregen und ein damit korrespondierendes höheres Schadenspotenzial muss die VMF etwa bei der Bewertung der Prämienrückstellung und des Prämienrisikos – sofern zuständig – berücksichtigen. Zusätzlich zu dem Weiterbildungsbedarf hinsichtlich Nachhaltigkeitsrisiken muss die VMF Untersuchungen anstellen inwieweit Statistiken von Schadenhöhen und -häufigkeiten durch Schwankungen verursacht werden oder ob hier ein Trend für die Zukunft abzuleiten ist.

Abbildung 2: Referenzpunkte für Aktuar:innen im Zusammenspiel mit Klimarisiken

Analyse aktuarieller Modelle

Grundsätzlich sollten Aktuar:innen überprüfen, ob und in welchem Ausmaß die einzelnen Modelle von Nachhaltigkeitsrisiken betroffen sind. Je nach Sparte und Modellierungshorizont kann der Einfluss unterschiedlich sein. Bei langlaufenden bzw. langabwickelnden Geschäft, wie in der Lebensversicherung oder Haftpflichtversicherung, steht die Best Estimate-Bewertung der versicherungstechnischen Rückstellungen im Vordergrund, während bei tendenziell kurzabwickelndem Geschäft der Fokus insbesondere auf die Risikobewertung gelegt werden sollte. Während ersteres im Verantwortungsbereich der VMF liegt, deutet zweiteres darauf hin, dass sich durch die Veränderung der Wettermuster die Exponierung der Risiken im Bestand ändern können und Akuar:innen sich verstärkt mit den Modell- und Änderungsrisiken auseinandersetzen müssen. Da Exposure-Modelle oft von externen Anbietern zur Verfügung gestellt werden, muss hinterfragt werden, inwiefern Trends aus dem Klimawandel bereits berücksichtigt wurden. Auch bei der Bestimmung des Gesamtsolvabilitätsbedarf sollte die Kalibrierung des Katastrophenmodells kritisch betrachtet und etwa, falls relevant, die aktuell nicht erfassten Risiken Waldbrand und Dürre als eigenständige Gefahren einbezogen werden.

Ausblick

Der Klimawandel und seine Auswirkungen auf das Geschäftsmodell Versicherung sind umfassend und komplex. In vielen der betroffenen Bereiche einer Versicherung (z.B. Underwriting, Produktgestaltung, Pricing, Rückversicherung, Risikomanagement, Investments) spielen Aktuar:innen eine zentrale Rolle und daher können diese durch ihre hohe fachliche Expertise zu einer fundierten Bewertung zukünftiger Klimarisiken und der Herleitung einer Strategie zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken in hohem Ausmaß beitragen. Daher sehen wir das Thema Klimawandel als Chance für uns Aktuar:innen, um einerseits unser aktuelles Tätigkeitsfeld um den Aspekt des Klimawandels anzureichern und andererseits um aktiv mitwirken zu können, das Pariser Klimaziel erreichen zu können. Der Schlüssel zum Erfolgt wird hierbei eine interdisziplinäre Zusammenarbeit u.a. mit Underwriting, Rückversicherung, Risikomanagement und externen Spezialisten sein.

 

 

 

[1] https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg1/

[2]https://www.actuaries.org/IAA/Documents/Publications/Papers/Climate_Science_ Summary_Actuaries.pdf

[3] https://www.eiopa.europa.eu/media/news/eiopa-publishes-third-paper-methodological-principles-of-insurance-stress-testing-climate

Entwicklung der Inflation und deren Auswirkung auf die Versicherung

Nachdem in den vergangenen Jahren die Aufmerksamkeit vieler Versicherungsunternehmen sowie insbesondere auch der Risikomanager und Aktuare auf dem Thema des Niedrigzinsumfelds gelegen ist, hat sich in den letzten Monaten durch einen starken Anstieg der Inflationsraten eine neue Dynamik in diesem Bereich entwickelt.

Figure 1: Entwicklung Inflation Österreich und Eurozone (inkl. Forecast 2022) / Quelle: Bloomberg

Während man ursprünglich nur von einem temporären Effekt – insbesondere als Nachwirkung pandemiebedingter Maßnahmen, wie z.B. Lock-Downs – ausging, kamen infolge des Ausbruchs des Ukraine-Konflikts vermehrt Zweifel an dieser Annahme auf. Dies insbesondere im Lichte der Rolle der beiden Länder als Lieferanten wichtiger Güter & Rohstoffe gerade für den Europäischen Raum. Die dadurch entstandene Versorgungsunsicherheit hat gerade in den letzten Monaten nochmals deutlich zu einem Anstieg der Inflation geführt.

Betroffen sind bereits viele Branchen und Bereiche des täglichen Lebens, weshalb sich auch Versicherungsunternehmen mit diesem Thema auseinandersetzen müssen. Für den Risikomanager sowie den Aktuar bedeutet das, dass vor allem die Geschäftsbereiche auf die das Thema Inflation den größten Einfluss hat zu identifizieren sind und ggf. entsprechende Maßnahmen zu setzen sind. Im Folgenden soll ein kurzer Überblick über die einzelnen Geschäftsbereiche gegeben werden, wobei der größte Fokus auf die Sachversicherung gelegt wird, da die Risiken im Zusammenhang mit Inflation oftmals dort am Größten sind.

Für die in Österreich übliche lebenslange Krankenversicherung ist das Thema Inflation insbesondere im Zusammenhang mit der medizinischen Inflation wichtig. Deren Entwicklung ist üblicherweise ein wesentlicher Input für Prämienanpassungen. Ein Augenmerk sollte hier auf Höhe aber auch auf Häufigkeit der Anpassung gelegt werden. Als mögliche Sekundäreffekte (insbesondere bei längerfristig hoch bleibender Inflation) sollten auch mögliche Auswirkungen auf die Entwicklung des Neugeschäfts sowie der Stornoraten berücksichtigt werden.

In der Lebensversicherung sind vor Allem Effekte auf die administrativen Kosten zu erwarten. Einhergehend mit dem Anstieg der Inflation ist jedoch auch ein deutlicher Anstieg in der Zinslandschaft zu beobachten. Dadurch können mögliche negative Effekte aus den Kosten durch positive Effekte aus den gestiegenen Zinsen (insbesondere in Garantieprodukten in der klassischen Lebensversicherung) kompensiert (und möglicherweise auch überkompensiert) werden.

Für die Schaden- und Unfallversicherung stehen vor allem long-tail Sparten bei der Analyse der Inflationsabhängigkeit im Vordergrund. Hier sind vor allem die Haftpflichtversicherungen in all ihren unterschiedlichen Facetten zu nennen. Ganz generell ist schon jetzt zu beobachten, dass die Schadenabteilungen begonnen haben Einzelschadensreserven inflationsbasiert anzupassen. Alle Effekte, welche in der Reservierung beobachtet werden können, haben natürlich auch einen Einfluss auf das zukunftsorientierte Pricing. Neben der inflationsadäquaten Verwendung von historischen Schäden gewinnen die Schadenregulierungskosten in der Prämienfestlegung von neuen Verträgen mit voller Laufzeit, die zukünftig erwarteten Schadenregulierungskosten und Betriebskosten an Bedeutung. So schlägt sich die Inflation nicht nur direkt auf Lohnentwicklung oder Energiekosten nieder, sondern findet sich auch zum Beispiel in der Anpassung der Gerichtskosten wieder. Im Bereich Commercial versuchen einzelne Versicherer im Underwriting das Thema Inflation aktiv aufzugreifen. Hierbei geht es darum den Vertrag bei Verlängerung auf eine inflationsbedingte Unterversicherung zu prüfen und entsprechend zu handeln.

Wie man sieht, betrifft die Inflation den Versicherungsmarkt als Ganzes, angefangen beim Ergebnis der Kapitalanlagen, über die Schadenreserven bis hin zu den operativen Kosten. Um die Auswirkungen einer steigenden Inflation auf das Geschäft und die Ergebnisse besser zu verstehen sind eine Reihe von Analysen nötig. Als Start bieten sich die Reservierung und das Pricing mit ihren Modellen an. Danach kann man sich mit der Entwicklung von zukünftigen Inflationsszenarien beschäftigen und die Sensitivitäten im Planungs- und Risikokapitalmodell erheben. Darauf basierend lässt sich nun eine Aussage über die Readiness des Unternehmens und der Modelle in einem inflationsvolatileren Umfeld treffen, um potenzielle nächste Schritte abzuleiten. Zum Schluss werden mit den Stakeholdern die Ergebnisse und die Kosten/Nutzenanalyse der Empfehlungen besprochen.

 

 

 

IM INTERIEW: Johannes Greiner

Ich bin Aktuar/Aktuarin geworden, weil …

Eigentlich war mein Studium auf Lehramt (mit Schwerpunkt Mathematik) ausgerichtet. Nach Studienabschluss habe ich mich dann aber um einen Job als Mathematiker in der Privatwirtschaft umgeschaut, und bin so 2004 in die Versicherungsbranche eingestiegen. In weiterer Folge habe ich mich entschlossen die Aktuarsausbildung zu absolvieren. Ich denke das war eine gute Entscheidung.

Mich interessieren fachlich …

Die verschiedenen Facetten der Versicherungsmathematik. Groß geworden bin ich in der Lebensversicherung. In weiterer Folge lernte ich auch die Bereiche der Nicht-Lebens- und der Krankenversicherung in der Praxis kennen. Zudem finde ich sämtliche Themen zu Modellierung und Prognoserechnung spannend. Die Analyse und Interpretation der Ergebnisse ist manchmal schon eine ziemliche Herausforderung.

Mein größter beruflicher Erfolg …

Ist die Möglichkeit bekommen zu haben mit einer eigenen kleinen Abteilung die Aufgaben der versicherungsmathematischen Funktion zu übernehmen.

Mein Lebensmotto

Wenn man alle Dinge des Lebens nach bestem Wissen und Gewissen macht, kann man nicht viel falsch machen.

Was mich sonst neben dem Beruf interessiert.

Meine Freizeit verbringe ich gern mit meiner Familie. Im Sommer bin ich häufig am Tennisplatz zu finden oder bin mit dem Rad unterwegs. Im Winter zieht es mich magisch in die Berge, wo ich beim Skitourengehen den Rest meiner noch vorhandenen Energie verbrauche.

Berufseinsteiger:innen rate ich, …

Durchhaltevermögen zu zeigen und nicht den Mut zu verlieren. Die Komplexität und Unübersichtlichkeit mancher Themen (Solvency 2, etc.) ist anfangs doch recht groß. Es macht wenig Sinn alles auf einmal anzugehen. Hier ist weniger manchmal mehr. Der Rest kommt mit der Zeit.

Zur Person                                                                
Geboren am 8.11.1974
Aufgewachsen in Kopfing (Bezirk Schärding), Oberösterreich
Studium Mathematik/Geographie an der Uni Salzburg
2004-2006: Aktuariat Nürnberger Versicherung
Seit 2006 bei Wüstenrot Versicherung
Seit 2015 Mitglied der Sektion anerkannter Aktuare sowie VMF der Wüstenrot Gruppe

Machine Learning im Non-Life Pricing

Im März 2021 wurde von KPMG eine Studie zum Thema Insurance Pricing veröffentlicht, die es den Versicherungsunternehmen ermöglicht ihren Reifegrad hinsichtlich Pricing am österreichischen Markt zu vergleichen (https://info.kpmg.at/InsurancePricingStudie/). Insgesamt 15 österreichische Versicherungsunternehmen beantworteten Fragen rund um die Tarifierung, die Aufstellung ihrer Pricing Aktuariate und Prozessstrukturen.

Vor allem in einem Punkt sind sich die Non-Life Pricing Aktuar:innen vorerst einig, und zwar bei der Methodik der Preisberechnung. Wie in der Grafik unterhalb ersichtlich ist, werden in der Praxis am intensivsten GLMs (Generalized Linear Models) angewendet – Machine Learning Techniken wie Gradient Boosting, Neuronale Netze und Random Forests werden nur selten zur Tarifierung genützt.

GLM ist, wie der Name schon sagt, eine Verallgemeinerung des linearen Regressionsmodells. Es gibt eine Zielgröße oder auch abhängige Variable, wie zum Beispiel die Schadenfrequenz, und diverse erklärende Variablen (Alter, Automarke, etc.) deren Zusammenhang mit der Zielgröße aufgezeigt werden soll. Das Ziel eines GLM ist die abhängige Variable möglichst gut zu prognostizieren und Zusammenhänge zu verstehen. Der Vorteil von GLM liegt in der einfachen Interpretierbarkeit aufgrund seiner multiplikativen Struktur. Die Flexibilität ist jedoch eingeschränkt, da vom Modellierer Verteilungsannahmen getroffen werden müssen und damit komplexe Zusammenhänge eventuell übersehen werden.

Bei entscheidungsbaumbasierten Methoden (Supervised Machine Learning) wie Gradient Boosting oder Random Forests wird auf Basis eines Datensatzes mit einer bekannten Zielvariable ein Modell mit Hilfe von Einflussvariablen aufgebaut, um die Zielvariable vorhersagen zu können. Der wesentliche Vorteil ist jedoch, dass keine Verteilungsannahmen getroffen und nicht-lineare Beziehungen automatisch erfasst werden. Diese größere Flexibilität kann damit zu besseren Modellvorhersagen führen.

Als Beispiel für die Prognosefähigkeit wird in der folgenden Grafik das Resultat eines GBM-Modelles für den Schadenbedarf (= Schadenfrequenz * Durchschnittsschaden) eines Motor-Portfolios dargestellt. Auf der X-Achse sehen wir die prognostizierten Werte und auf der rechten Y-Achse die Echtwerte. Vorhersagen, die die Echtwerte exakt getroffen haben, liegen direkt auf der grauen Linie.

Obwohl wir in der Grafik den Zusammenhang der Vorhersagen mit den Echtwerten visuell leicht erkennen können, gibt es eine Vielzahl an Metriken mit denen die Prognosegüte eines Modelles beschrieben werden kann. Zum Beispiel kann ein Korrelationskoeffizient von 0.034 für das hier verwendete GBM-Modell errechnet werden – dazu im Vergleich ergibt dieser Koeffizient 0.030 für ein GLM-Modell auf demselben Datensatz. In diesem Fall besteht also beim GBM ein höherer Zusammenhang zwischen Prognose und Echtwerten als beim GLM.

Es ist relativ einfach ein GLM in seiner Prognosefähigkeit mittels Machine Learning (ML) Methoden zu schlagen, trotzdem werden in der Praxis GLMs bevorzugt. Warum ist das so?

Oft werden als Gründe fehlende Rechenleistung, mangelndes Wissen, Mangel an Daten und Probleme mit dem Datenschutz genannt. Denkbar wäre, dass es auch am Vertrauen in die neuen Algorithmen scheitert. Dabei sind diese nicht immer neu. Die dahinterliegenden mathematischen Prinzipien gibt es meistens schon Jahrzehnte, doch erst durch die Verbesserung der Rechenleistung ist die Verwendung von komplexeren Modellen möglich geworden.

Aktuar:innen sind meistens an der besten Prognose interessiert, jedoch auf einem Komplexitätsniveau, das immer noch klar und verständlich erklärt werden kann. Tarifentscheidungen werden nicht nur von Mathematiker:innen alleine getroffen. Die Preissetzung ist ein Projekt mit vielen Beteiligten aus verschiedenen Bereichen und damit eine interdisziplinäre Zusammenarbeit.

ML-Algorithmen sind häufig um einiges schwieriger zu erklären und opfern deshalb ein Stück Verständlichkeit gegen eine Verbesserung des Prognoseergebnisses.

Bei vielen anderen Aufgabenstellungen jedoch, wie zum Beispiel bei der Modellierung von Kundensegmenten oder bei Betrugserkennungen ist es nicht wichtig warum ein Modell ein gewisses Ergebnis liefert – es zählt einzig und allein die Genauigkeit. Genauso gibt es auch in der Tarifierung Anwendungsgebiete in denen ML-Learning Techniken verwendet werden können, wie zum Beispiel bei der Datenbereinigung oder auch bei der Modellierung der Nachfrage. In einem Nachfragemodell oder demand model wird geschätzt, wieviel ein Kunde oder eine Kundin in der aktuellen Marktumgebung für ein Versicherungsprodukt bezahlen würde. Diese Art von Modell wird üblicherweise öfter aktualisiert als ein Risikomodell, da auch die Nachfrage in einem dynamischen Markt volatiler ist als das Risiko. Ein automatisierter Modellierungs­prozess kann hier Zeit ersparen und lässt deshalb verstärkt zu ML-Methoden greifen.

Weiters können ML-Techniken auch bei der Validierung von Risikomodellen hilfreich sein oder auch bei der Entdeckung von Interaktionen.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass ML-Algorithmen immer öfter als zusätzliches Hilfsmittel verwendet werden, aufgrund der geringeren Transparenz werden sie aber wohl auch in unmittelbarer Zukunft die GLMs als Tarifierungsmethodik nicht völlig ablösen.

AFRAC-Klarstellung zu Abfertigung alt

AFRAC veröffentlicht eine Ergänzung der AFRAC-Stellungnahme 20: Behandlung der “Abfertigung alt” nach IAS 19, insbesondere Verteilung des Dienstzeitaufwands. Eine neue Rz 27a innerhalb der Erläuterungen wurde zur Berücksichtigung der IFRIC Agenda Decision IAS 19 – Attributing Benefit to Periods of Service vom 20. April 2021 eingefügt. Download der überarbeiteten AFRAC-Stellungnahme und weitere Details auf der Website der AFRAC.

 

Vorsitzender der Alterssicherungskommission Pöltner im AMC

Der Name ist Programm, die Alterssicherungskommission hat die Aufgabe, der Bundesregierung Berichte über die langfristige Entwicklung und Finanzierung der Pensionen und damit der Alterssicherungssysteme vorzulegen. Ausführlich sind die Aufgaben der Alterssicherungskommission, kurz ASK, im Alterssicherungskommissions-Gesetz dargestellt. Das Bundesgesetz liegt in der fünften Auflage seit Inkrafttreten des am 01.01.2017 vor. Der Vorgänger der ASK hieß Pensionssicherungskommission.

Konkret liefert die ASK bis spätestens 30. November eines jeden Jahres Mittelfristgutachten für die folgenden fünf Jahre. Das aktuelle Gutachten läuft demnach bis 2026. Der zweite Teil, das Langfristgutachten, muss ebenfalls bis zum 30. November vorliegen, und zwar jedes dritte Jahr bis zum Jahr 2050. Die Verpflichtung zur Vorlage des Langfristgutachten wurde aufgrund der Corona-Pandemie verschoben und liegt nun erstmalig vor.

Hon.-Prof. Dr. Walter Pöltner war von 22. Mai bis 3. Juni 2019 (also gleich nach Ibiza) Sozialminister und ist seit 7. November 2019 Vorsitzender der ASK. Der Jurist hielt am 7. Dezember im Actuarial Modelling Club einen launigen Online-Vortrag. Auf Wikipedia ist zu lesen, “Berichte über seine Person erwähnen in der Regel seine musikalischen Interessen”. Bei Pöltners Vortrag aus seinem Arbeitszimmer hing die Gitarre gleich hinter ihm. Soweit lässt sich dieser Eintrag oberflächlich bestätigen.

Der Actuarial Modelling Club (AMC) ist eine Kooperationsveranstaltung der Forschungsgruppe für Finanz- und Versicherungsmathematik (FAM) der TU Wien und der AVÖ. Pöltners Vortrag stieß auf reges Interesse. Knapp 160 Teilnehmerinnen und Teilnehmer folgten seinen Ausführungen.

Gesamthaftes Monitoring auf Österreichisch

Zurück zur Alterssicherungskommission und zu deren Berichten. Die Kommission unter Pöltners Vorsitz ist mit 14 stimmberechtigten Mitgliedern und sechs nicht-stimmberechtigten ExpertInnen besetzt. Sie soll ein Monitoring der Pensionen der Pflichtversicherten, der Landes- und BundesbeamtInnen und der ÖBB-Bediensteten ermöglichen. Die Idee ist eine gemeinsame Betrachtung, die Wirklichkeit sieht getrennte Berichte für Pflichtversicherte und BeamtInnen vor. Konkret gibt es also vier Berichte. Alle vier sind auf der Website des Sozialministeriums abrufbar. “Die Gutachten, die durch die Kommission beschlossen werden, basieren auf den demografischen Daten der Statistik Austria und den ökonomischen von WIFO und IHS”, erklärt Pöltner.

Dass die ExpertInnen nicht stimmberechtigt sind, bedauert Pöltner, meint aber gleichzeitig: “Die Expertinnen und Experten werden sich hüten, Annahmen, beispielsweise zur Entwicklung der Erwerbsquoten, zu treffen.” Der Jurist und Spitzenbeamte beschreibt die jährlich stattfindenden Sitzungen der Kommission als “ewig gleiches Argumentieren der großen Fraktionen”, wobei Vorsicht das oberste Gebot sei. Weil hinter jeder Annahme die Angst vor der Vorbereitung auf eine neue Pensionsreform und infolge auf Pensionskürzungen stehe.

Kennzahlen und die Suche nach Kompromissen

Und dann erzählt Pöltner, wie er im Vorfeld der Sitzung gemeinsam mit seiner Stellvertreterin Ingrid Korosec versucht, bei den Interessensvertretungen einen Kompromiss der Produktivitätszuwächse herbeizuführen. “Ich schlage nicht 1,0 Prozent, nicht 1,5 Prozent, sondern 1,3 Prozent vor, wie bei einem Kuhhandel, ohne wissenschaftliche Grundlage”, so Pöltner.

Dazu sei erwähnt, dass es Usus ist, dass die Mitgliedsstaaten bessere Annahmen treffen als etwa der Ageing-Bericht der EU-Kommission, der in der Regel pessimistischer ausfällt. Ganz so willkürlich wird diese Kennzahl des Fachmanns für Soziales wohl dann doch nicht sein, schließt die AVÖ-Online-Redaktion.

Das ernüchternde Ergebnis dieser langwierigen Abstimmungsprozesse: Der ÖGB lehnte das Langfristgutachten schlussendlich ab. In einer Aussendung titelten AK und ÖGB AK & ÖGB zu Alterssicherungskommission: Soll Gutachten Grundlage für Pensionskürzungen liefern? Mag. Wolfgang Panhölzl, Leiter der AK-Abteilung Sozialversicherung moniert darin, “die Wirtschaftsannahmen sind unplausibel niedrig und führen zu einer erhöhten Darstellung des Pensionsaufwandes”. Die jetzt adaptierten Änderungen würden sich nicht mit anderen Prognosen, etwa dem Ageing Report der EU-Kommission, decken, ergänzt ÖGB-Pensionsexpertin Mag. Dinah Djalinous-Glatz. Beide sind Mitglieder der ASK. “Daher haben wir auch das vorliegende Langfristgutachten über die gesetzliche Pensionsversicherung abgelehnt”, begründet Djalinous-Glatz.

Dr. Franz Schellhorn, Leiter des Thinktanks Agenda Austria, sieht das freilich anders: “Seit längerem ist klar, dass das öffentliche Pensionssystem nicht gut aufgestellt ist”, schreibt er in einer Aussendung als Reaktion auf einen Bericht in der Wiener Zeitung am 17. November 2021, also noch vor der Sitzung der ASK. Das Verhältnis von PensionsbezieherInnen zu den EinzahlerInnen gerate immer stärker in Schieflage. Ohne Reform werde das Pensionsloch bis 2030 deutlich wachsen. Schellhorn: “Bereits heuer wird mehr als jeder fünfte Euro aus dem Bundesbudget zum Stopfen des Pensionslochs verwendet.”

Pöltner berichtet im AMC, dass wir 2020 15,6 Prozent des BIP für Pensionen ausgegeben haben. Die Prognose für 2070 liegt mit 15,4 Prozent sogar etwas darunter. “Daher argumentieren wir, dass wir in der Alterssicherung kein Problem haben. Ich sehe hingegen eine Menge Probleme. Es gibt aber Null sozialpolitischen Gestaltungswillen. Ministerien sind auf schlichte Verwaltung reduziert. Keiner traut sich etwas sagen, dann wird man in fünf Jahren wiederbestellt”, resümiert der ASK-Vorsitzende.

“Eh ois leiwand”

Und so bleibt in Österreich wenig Spielraum für Diskussionen und innovative Denkansätze, die die Veränderungen in der Arbeitswelt, etwa höhere Lebenserwartung, Digitalisierung und flexiblere Beschäftigungsmodelle, berücksichtigen. Pöltner nennt in diesem Zusammenhang den Work-Ability-Index (WAI) des finnischen Professors Juhani Ilmarinen, ein Befragungsverfahren, das die subjektive Arbeitsfähigkeit von Beschäftigten erfasst und bewertet. Über einen Online-Fragenbogen auf der Website des WAI-Netzwerks können Interessierte eine Einschätzung ihrer aktuellen und zukünftigen Arbeitsfähigkeit abrufen.

“Nichts davon wurde in den letzten fünf bis sechs Jahren besprochen – das ist nicht interessant genug, da bekommen Sie keine Message in der Zeitung”, sagt Pöltner. Also “eh ois leiwand”, scherzt er. Es sei ihm auch völlig unklar, warum keine VersicherungsmathematikerInnen in der Kommission säßen, die sich mit diesem Thema am besten auskennen. Auch waren diese Fachleute in der alten Pensionsversicherungskommission vertreten.

Ob aus persönlicher Konsequenz ob dieses Stillstands oder aus anderen Gründen, Pöltner tritt als Vorsitzender zurück, eine Nachfolgerin bzw. ein Nachfolger ist noch nicht bestimmt. NEOS-Sozialsprecher Gerald Loacker kommentiert den Rücktritt in einer Aussendung so: “Jetzt tritt mit Walter Pöltner ein kluger Kopf aus Frust zurück, weil die Kurz-Regierung so viel Geld verbläst, dass es selbst ihm als ehrlichen Sozialdemokraten zu viel wird.” Stein des Anstoßes sei die (sozial) gestaffelte Pensionserhöhung, die mit 1. Jänner 2022 in Kraft tritt, und die wohl weitere Löcher in den Staatshaushalt reißen wird. Gegenüber der AVÖ-Online-Redaktion begründet der ASK-Vorsitzende seinen Schritt so: “Wenn eine Regierung zur Stabilität der Alterssicherung eine Task Force einrichtet. Wenn ich mich redlich bemühe, Probleme, Wechselwirkung und Systemzusammenhänge darzulegen. Wenn niemand auch nur in Ansätzen daran Interesse, schon gar nicht politischen Gestaltungswillen erkennen lässt, dann betrachte ich mich als gescheitert. Wir schaffen derzeit politisch nicht einmal die Gegenwart, wen interessiert da Zukunft. Die Zukunft ist aber die Gegenwart unserer Kinder, dafür haben wir Verantwortung!”

Pöltner sieht aufgrund der demografischen Entwicklung – wir werden älter – drei große Herausforderungen: Gesundheit, Pflege und Pensionen. Es fehle dafür nicht nur das Geld, es fehlten auch die Fachkräfte. “Wir verschließen die Augen und glauben, damit das Problem gelöst zu haben”, sagt Pöltner zur AVÖ-Redaktion. “Unser Sozialsystem stammt weitgehend aus dem 19. und dem frühen 20. Jahrhundert. Kann dieses System den Anforderungen einer modernen Gesellschaft im 21. Jahrhundert noch gerecht werden?” Wohl eher nicht. “Da gibt es viel zu tun!”, gibt uns der Experte mit auf den Weg.

Der Arbeitskreis Veröffentlichungen stellt sich vor

Der Arbeitskreis Veröffentlichungen war bis Ende 2020 auf jeweils eine einzelne Person und die Aufgabe, den Kontakt zur European Actuarial Journal (EAJ) Association zu pflegen, eingeschränkt. Nachdem die Bedeutung der Kommunikation innerhalb der Mitglieder der AVÖ und ebenso nach außen – an eine breitere Öffentlichkeit – erheblich an Bedeutung gewonnen hat, wurden die Aufgaben und die Zusammensetzung des Arbeitskreises Anfang 2021 neu definiert.

So hat sich unter der Arbeitskreisleitung von René Knapp ein kleines, aber schlagkräftiges Team bestehend aus Ulrike Ebner, Rita Michlits, Philip Plank und Felix Radlinger geformt. Im ersten Quartal 2021 definierte der Arbeitskreis in einer ersten konstituierenden Sitzung die Zielsetzung und deren Priorität definiert. Insbesondere widmet sich der Arbeitskreis den folgenden 4 Schwerpunkten:

  1. Stärkung des Berufsbildes der Aktuarinnen und Aktuare (Ausbildung, Beitritt zur AVÖ)
  2. Unterstützung anderer Arbeitskreise sowie des Vorstands bei der Öffentlichkeitsarbeit
  3. Stärkung der Services für unsere Mitglieder
  4. Aktives Zugehen auf Mitglieder, um sie zur Mitarbeit in der Öffentlichkeitsarbeit einzuladen
MS-Teams-Meeting der Mitglieder des Arbeitskreises Veröffentlichungen
Virtuelle Sitzung: v.l.n.r. AK-Leiter René Knapp (Uniqa, AVÖ-Schriftführer), Philip Plank (Uniqa), Ulrike Ebner (Wiener Städtische), Felix Radlinger (Mercer), Rita Michlits (AVÖ)

Die zentralen Kommunikationskanäle bilden die AVÖ-Webseite, der AVÖ-Newsletter, LinkedIn sowie vor allem auch die in den vergangenen Jahren intensivierten Events. Die ersten Aktivitäten, welche durch den Arbeitskreis begleitet wurden, waren die Mitgliederbefragung 2021 sowie die Unterstützung der ersten Data Science Challenge.

ToDo: Berufsbild breiter kommunizieren

Der aktuelle Fokus liegt auf der Stärkung des Berufsbilds der Aktuarinnen und Aktuare. Wir sind der Überzeugung, dass die Ausbildung zur Aktuarin/zum Aktuar, weiterführende Spezialisierungen sowie die Mitwirkung in der AVÖ einen wesentlichen Mehrwert für den (österreichischen) Arbeitsmarkt darstellt. Aktuarinnen und Aktuare können in unterschiedlichsten Branchen und Funktionen aufgrund ihrer bereits erworbenen Fähigkeiten eingesetzt werden. Wir sind auch der Meinung, dass diese Fähigkeiten in Zukunft noch stärker nachgefragt und benötigt werden – wir denken dabei an brandaktuelle Themen wie Risikobewertung bei Pandemien oder Klimawandel. Oftmals mangelt es daran, dass die Ausbildungsmöglichkeiten nicht bekannt genug sind. Auch sind kaum praktische Einblicke gegeben, welche Berufsbilder Finanz- und Versicherungsmathematik abdecken können. An dieser Stelle aufklärend und für die AVÖ werbend zu agieren, hat der Arbeitskreis ganz oben auf die Agenda für 2021 und 2022 geschrieben.

Zu diesem Zweck versuchen wir aktuell, Kooperationen mit Universtäten aufzubauen oder zu stärken (Zielgruppe Studierende). So haben wir im Wintersemester 2021 einen Informationsflyer kreiert und über die Fachschaft der TU Wien an die Erstsemestrigen ausgeteilt. Philip Plank hat darüber hinaus mit der Hochschülerinnen- und Hochschülerschaft der TU Wien einen Podcast erstellt. Am 22. November gab er Einblicke, was Absolventinnen und Absolventen mit einem Studium der Mathematik in der Praxis machen können. Der Podcast ist auf htu.at abrufbar.

Junge Frau klettert überhängenden Felsen hoch
Info-Flyer für Erstsemestrige, Foto (c) AdobeStock/Soloviova Liudmyla

Früh ansetzen

Darüber hinaus möchten wir junge Menschen noch früher für die aktuarielle Ausbildung oder Tätigkeit begeistern (z. B. denken wir an eine Kooperation mit der Mathematik-Olympiade mit der Zielgruppe Schülerinnen und Schüler).

Die Investition in Kommunikation über unsere Tätigkeiten in der AVÖ halten wir für eine höchst sinnvolle und gewinnbringende. Wir freuen uns über Zuwachs in unserem Arbeitskreis – Interessierte bitte einfach an rene.knapp@uniqa.at wenden.

Zinssatzempfehlungen zum 30.11.2021

Nach geltenden IFRS/IAS-19-Vorschriften ist der Zinssatz, der zur Abzinsung der Verpflichtungen für die nach Beendigung des Arbeitsverhältnisses zu erbringenden Leistungen herangezogen wird, auf der Grundlage der Renditen zu bestimmen, die am Abschlussstichtag für “High Quality Corporate Bonds” (üblicherweise interpretiert als Corporate Bonds mit Rating AA) mit entsprechender Laufzeit am Markt erzielt werden.

Auswertungen per 30.11.2021

Bei (10+)-jähriger Laufzeit beträgt die Renditeerwartung bei “EUR Corporate Bonds” mit Rating AA 0,89 % (Quelle: IBOXX). Bloomberg weist für “EUR Europe Corporate AA+, AA, AA-” bei 15-jähriger Laufzeit 0,864 %, bei 25-jähriger Laufzeit 1,056 % aus.

IAS 19 – Empfehlung Zinssatz per 30.11.2021*)

Der AVÖ-Arbeitskreis Sozialkapital empfiehlt daher Zinssätze in der Bandbreite von 0,75 % für 10+ Jahre Laufzeit bis 1,00 % für Laufzeit ab 25 Jahre, für abweichende Laufzeiten ist die Rendite geeignet anzupassen.

IAS-19-Zinssatz 11/2021

*) Die Zinssätze gemäß dieser Empfehlung sind auf 0,25 %-Punkte gerundet.

UGB-Zinssätze zum 30.11.2021

Darüber hinaus hat der Arbeitskreis die aktuellen UGB-Zinssätze zum 30. November 2021 veröffentlicht.

Neue Herausforderungen für Non-Life-Pricing-AktuarInnen

Das Niedrigzinsumfeld, die steigende Menge an verfügbaren Daten, die Digitalisierung – all das sind Gründe für die immer wichtiger werdende Rolle der Aktuarinnen und Aktuare, nicht zuletzt auch der Non-Life-Pricing-AktuarInnen. Die Tarifierung ist kein Spiel, bei dem der Preis “Pi mal Daumen” geschätzt werden kann. Um sich einen kompetitiven Vorteil in der Branche zu sichern, sind immer ausgeklügeltere und dynamischere Modelle gefragt.

Vor ein paar Jahren noch kam ein Großteil des Versicherungsgewinns aus dem Kapitalanlageergebnis der Prämien. Durch die hohen Renditen konnte das versicherungstechnische Ergebnis der Schaden- und Unfallversicherung nachrangig behandelt werden und eine korrekte Preisgestaltung wurde daher oft vernachlässigt. Durch das bestehende Niedrigzinsumfeld wird die Tarifierung, als wesentlicher Treiber der Profitabilität in der Non-Life-Versicherung, nun immer mehr in den Fokus gerückt. Eine richtige Tarifierungsmethodik gibt es dabei nicht, Pricing-AktuarInnen können aus einer Vielzahl von Algorithmen und Modellen wählen, die je nach Markt und Produkt unterschiedlich gut geeignet sind. Zum Beispiel ist die Komplexität eines KFZ-Tarifs im preissensitiven Polen mit keinem der österreichischen Tarife vergleichbar.

Digitalisierung erleichtert Anbieterwechsel

Auch die Digitalisierung schafft neue Herausforderungen für die Pricing-AktuarInnen. Kundinnen und Kunden können Versicherungsprämien nun ganz einfach auf Online-Plattformen vergleichen und zu billigeren Anbietern wechseln. Der sogenannte Rang der Prämie im direkten Branchenvergleich wird wettbewerbsentscheidend, wobei Produktbesonderheiten nach und nach außer Acht gelassen werden. Die Versicherungsunternehmen sind gezwungen, im Preiskampf zu konkurrieren, was wiederum Druck auf die Tarifierung ausübt.

Durch die gesteigerte Marktdynamik werden die Versicherungsprämien auch oft nicht mehr nur jährlich angepasst, sondern viel häufiger. Die Tarifierung entwickelt sich also von einem jährlichen Projekt zu einem immerwährenden Prozess.

Umgekehrt schafft die Digitalisierung auch einige neue Möglichkeiten für die Tarifierung. Mehr Rechenpower und flexiblere IT-Strukturen erlauben auch komplexere mathematisch-statistische Schätzverfahren für die Tarifmodelle. Zusätzlich können Risiken durch eine regelrechte Explosion von vorhandenen Daten immer besser eingeschätzt und dadurch bepreist werden. Allerdings erfordert die neue Masse an Daten auch neues Spezialwissen, und nicht selten beschäftigen sich AktuarInnen mit Themen wie Rechenzeit, Speicherplatz und effektive Programmierung. Ein wesentlicher Teil der Herausforderung ist also auch, einen schlanken Prozess rund um die Tarifierung aufzubauen.

Transparente Kommunikation trotz steigender Komplexität

Resultierend aus all diesen Trends ergibt sich für Pricing-AktuarInnen oft eine weitere, üblicherweise unterschätzte, neue Aufgabe. Durch die steigende Komplexität der Tarifmodelle wird es immer schwieriger, die aktuariellen Konzepte auch verständlich und transparent zu kommunizieren. Viele Tarifentscheidungen werden nicht immer nur von mathematischen Sachverständigen getroffen, weil die Preissetzung ein Projekt mit vielen verschiedenen Beteiligten ist. Neue Modelle beinhalten üblicherweise auch anspruchsvollere Mathematik, die nicht immer auf Gegenliebe stößt.

Pricing-AktuarInnen wird wohl auch in Zukunft nicht langweilig werden. Um aber auch künftig alle Bereiche der Tarifierung gut abdecken zu können, müssen auch wir uns immerwährend weiterentwickeln und den neuen Gegebenheiten anpassen.

DI Lisa Strasser ist bei UNIQA International im Bereich Pricing & Monitoring tätig und Mitglieder der Sektion Anerkannter Aktuare der AVÖ.

IFRS 17 auf der Zielgeraden

Nun ist es endlich so weit: Die Implementierung von IFRS 17 biegt auf die Zielgerade ein. Als der finale Standard IFRS 17 nach einer beachtlichen Entwicklungszeit von ungefähr 20 Jahren im Mai 2017 veröffentlicht wurde, war ursprünglich eine Erstanwendung für das Geschäftsjahr 2021 vorgesehen. Es war relativ schnell klar, dass dies nicht genügend Zeit für die Implementierung sein würde, weshalb dieser Erstanwendungszeitpunkt auf 2023 verlegt wurde. Und trotz dieser Verschiebung ist es aktuell nicht so, dass die Projekte in ruhigem Fahrwasser sind. Im Gegenteil: Wir sehen wohl eher zwei stürmischen Jahren entgegen.

In allen Unternehmen wird derzeit insbesondere die technische Inbetriebnahme fieberhaft getestet. Der IFRS 17 hat so gut wie alle Datenstrecken von den Kernsystemen bis ins Hauptbuch betroffen und diese galt es, neu zu gestalten. Dass am Ende des Tages trotzdem die gleichen Basisgrößen ankommen müssen, sagt uns der Hausverstand, kann aber in der Praxis nur durch viel Arbeit sichergestellt werden. Die für einen vollständig durchlaufenden IFRS-17-Prozess erforderliche Datenmenge übersteigt alles bisher Dagewesene schlicht um ein Vielfaches. Tatsächliche Zahlungsströme und Vorschreibungen (sogenannte “Actuals”) müssen wegen der Gruppenbildung granularer vorgehalten werden. Zusätzlich werden Projektionen der erwarteten Zahlungsströme ebenfalls auf Gruppenebene benötigt. Im aktuellen Tun dominiert derzeit somit das Technische.

Inhaltliche Komponenten des IFRS 17 nicht vergessen

Die eine oder andere inhaltliche Komponente darf aber dabei nicht vergessen werden. Waren Diskussionen der Art “Welche Zinskurve ist zu verwenden?” oder “Wie bestimme ich ein geeignetes Risk Adjustment?” zu Beginn der Projekte vorherrschend, so geraten diese aufgrund der technischen Themen aktuell in den Hintergrund. Gerade durch derlei inhaltliche Festsetzungen wird aber das Bilanz- und GuV-Bild der kommenden Jahre bestimmt. Insbesondere die Frage der Contractual Service Margin (CSM) zur Erstellung der Eröffnungsbilanz per 1. Jänner 2022 ist jedenfalls eine Wesentliche. Dass im langfristigen Lebens- und Krankengeschäft eine weit zurückreichende, vollständig retrospektive Anwendung unrealistisch sein würde, war einerseits schnell klar, andererseits ist es noch nicht so klar, ob die Versicherungsunternehmen sich mehr dem modifiziert retrospektiven oder dem Fair-Value-Ansatz zuwenden; wobei ersterer zweifelsohne der Grundidee der CSM im IFRS 17 mehr entspricht.

Entscheidend wird hier aber ohnehin eine durchdachte Kommunikationsstrategie gegenüber den eigentlichen AdressatInnen des IFRS-Abschlusses sein. Die Bedeutung dieser und anderer inhaltlicher Fragestellungen wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf den letzten Metern abermals intensiv diskutiert werden, sobald man Sicherheit hinsichtlich der Funktionsfähigkeit der technischen Prozesse erlangt hat. Auch wenn man sich nun auf der Zielgeraden wähnt, den “Quasi-Marathon” zu Ende laufen bleibt niemandem erspart.

Dr. Johann Kronthaler ist Partner bei KPMG Austria und Mitglied der Sektion Anerkannter Aktuare der AVÖ.